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Dr. Volkmar Reschke, FA für Kinderheilkunde – Jugendmedizin

Vor meinem ersten Einsatz in Nairobi ging ein persönliches Treffen mit dem Kollegen Dr. Matthias Gründler voraus. Dr. Gründler war bereits zuvor einige Male als Kinderarzt in Nairobi im Einsatz gewesen. Als Teil der Vorbereitung meines ersten Afrikaeinsatzes besuchten wir gemeinsam den Tropenkongress für Kinderärzte in Gießen. Dank der hilfreichen Informationen, war es mir nun viel besser möglich, mich auf meinen Einsatz in Nairobi fachlich und vor allem emotional vorzubereiten.
Dank der Vermittlung durch Dr. Sven Sievers kam es bereits vor meiner Abreise zu einem kurzen Austausch mit Frau Dr. Jutta Leuser, einer erfahrenen Kollegin, die bereits als Augenärztin Ihren Einsatz in Nairobi hatte. So erfuhr ich bereits im Vorfeld eine optimale Unterstützung seitens der Kollegen, die bereits schon medizinische Einsätze in Nairobi hatten.
Aufgrund von Flugplanverschiebungen wurde der Abflug um einen Tag vorverlegt. Da ich noch nichts fest gepackt hatte, war die Angelegenheit zu guter letzt noch etwas stressig, da die Woche vor dem Einsatz in der Praxis recht arbeitsintensiv war. Am Samstagmorgen waren dann die letzten Reisevorbereitungen zu treffen. Alle Utensilien waren auf ein großes Gepäckstück zu komprimieren. Neben dem medizinischen Equipment waren Einmalhandschuhe, persönliche Malariaprophylaxe, Malblöcke, Buntstifte für das Kinderheim Mothers Mercy, einige Süßigkeiten, Schutzkleidung etc. zu verpacken. Ein befreundeter Zahnarzt hatte mir zuvor noch etliche Zahnbürsten und Zahnpasta als Spenden mitgegeben. Eigentlich viel zu spät fuhr ich dann aus dem Allgäu am Samstagnachmittag nach Frankfurt-Kelsterbach. Dank der günstigen Verkehrslage war ich sage und schreibe bereits nach vier Stunden Fahrt am Cargogebäude von Lufthansa in Frankfurt. Dort hatte ich mich mit Frau Dr. Jutta Leuser verabredet, mit der ich nach Nairobi fliegen sollte. Dr. Leuser war bereits schon einmal im vergangenen Jahr im Mothers Mercy Waisenhaus bei Nairobi als Augenärztin im Einsatz gewesen, und konnte mich ganz hervorragend in die Bedingungen vor Ort einweisen. Um 23:45 Uhr wurden wir dann durch diverse Sicherheitsschleusen zu der Frachtmaschine von Lufthansa Cargo, einer MD-11 gebracht. Die Crew des 290 Tonnen-Fliegers bestand ausschließlich aus zwei Piloten, die sich rasch als extrem hilfsbereit, fürsorglich und total nett herausstellten. Gegen 02.00 Uhr nachts ging es dann los. Für mich war das Fliegen in dem Frachtflugzeug ein unglaublich spannendes Erlebnis!
Montagfrüh fuhren Dr. Leuser und ich zum SOS-Medical-Center des SOS-Kinderdorfes im Slum Buru Buru, einem der größten Slums Nairobis. Obwohl ich nicht das erste Mal in Afrika gewesen war, hat mich das Ausmaß der bitteren Armut der Slumbewohner doch sehr bewegt. Bereits auf der Fahrt zu unserem Arbeitsplatz durch die ausgedehnten Slumgebiete der afrikanischen Metropole bekam man die ersten Eindrücke einer für uns Europäer völlig fremden Welt.
Es gab viele Slumbewohner, die teilweise auf dem nackten Lehmboden mit ein paar löchrigen Plastiktüten als Dach unter einfachsten Bedingungen leben. Ich bekam nun eine Vorahnung, welche Dimensionen sozialer und hygienisch verursachter Erkrankungen uns erwarten würde.
Im SOS-Medical Centre hatte man erst mit uns am nächsten Tag gerechnet. Der Empfang durch die Krankenschwestern und Dr. George, einem Allgemeinarzt und seines Assistenten war sehr nett und herzlich.
Zunächst galt es das Behandlungszimmer von Frau Dr. Leuser für die augenärztlichen Patienten herzurichten. Die Kollegin führte in unendlicher Geduld sehr viel an ophthalmologischer Diagnostik bei Ihren Patienten durch. Anschließend bekam ich ein Sprechzimmer im Nachbargebäude zugewiesen. Und dann begann bereits die kinderärztliche Sprechstunde für die Slumbewohner Buru Burus. Unterstützt wurde ich durch eine sehr freundliche Krankenschwester, die sich mit einer kenianischen Medizinstudentin im vierten Semester abwechselte. Die beiden übersetzten jeweils in Kisuaheli und die Antworten der Patienten dann zurück ins Englische. Die Kinder wirkten auffallend diszipliniert und bis auf wenige Ausnahmen sehr ausgeglichen. Teilweise waren die Schicksale und sozialen Lebensumstände der Kinder und deren Familien sehr bewegend, dass es oft schwer auszuhalten war, die Erzählungen der Patienten zu verarbeiten. Eine Traube von Kindern und teilweise Angehörigen warteten äußerst geduldig auf dem Ambulanzflur, bis sie an der Reihe waren. Besonders berührend war ein 10 jähriger Junge, der auf dem Rücken seinen kranken Bruder herbeischleppte. Beide hatten eine schwere Atemwegsinfektion. Sie waren Waisen, da Ihre Eltern bereits gestorben waren. Es gab wohl keine Familienangehörigen mehr, so dass der 10jährige für den Lebensunterhalt von beiden zu Sorgen hatte. Schicksale sozial ungewohnten Ausmaßes sowie deutlich ausgeprägtere Krankheitsstadien als in Deutschland üblich wurden präsentiert. Neben vielen Infektionskrankheiten wie Lungenentzündungen, Magen-Darm-Infektionen, Gedeihstörungen und parasitären Hauterkrankungen hatten einige Kinder unter ihrem schlechten Ernährungszustand zu leiden. Das Arbeiten war aufgrund der einfachen Bedingungen anspruchsvoll, machte aber sehr viel Freunde, da ich das Gefühl hatte etwas zutiefst sinnvolles für Menschen zu tun, die sonst keinen Zugang zu einer bezahlbaren medizinischen Behandlung haben. Besonders beeindruckend empfand ich die reibungslose und kompetente Abgabe der von mir rezeptierten Medikamente seitens der kleinen Apotheke sowie ein tadellos funktionierendes Labor. Insgesamt hatten Frau Dr.Leuser und ich, jeweils ca. 100 Patienten behandelt. Jutta stellte sich als extrem nette und kompetente Kollegin heraus, mit der die Zusammenarbeit großen Spaß machte! Am Dienstagabend fuhren wir dann noch zum Waisenhaus Mothers Mercy Home, einem zweiten Standort, den „unser“ Verein Cargo Human Care unterstützt. In dem Waisenhaus sind 84 Kinder untergebracht. Trotz des ernsten Hintergrundes begegneten uns lachende, gut gelaunte Kinder, die gerade dabei waren das Abendessen in Empfang zu nehmen. Einige der Kinder zeigten uns stolz Ihr neues zu Hause. Eine Gruppe von Jungens spielte äußerst geschickt Volleyball. Charles, der einheimische Sozialarbeiter der Institution, beantwortete uns alle Fragen über das Zusammenleben der Kinder im Mothers Mercy Home. Die Ambulanzräume im MMH, dem zweiten Einsatzort der CHC – Ärzte, machten einen sehr guten Eindruck.
Auf dem Rückweg gerieten wir in den übelsten Verkehrsstau, den ich je erlebt habe. Grund war eine Demonstration rivalisierender Gruppierungen in der Innenstadt Nairobis. Henry, unser äußerst zuverlässiger Taxifahrer, umsteuerte aber alle kritischen Bereiche, so dass die Lage zu keiner Zeit irgendwie bedrohlich war. Am Mittwoch haben Jutta und ich dann noch einmal richtig rangeklotzt, um die wartenden Patienten möglichst alle noch dranzunehmen.
In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag sind wir dann wieder heimgeflogen. Kurz vor dem Abflug meldete sich die nahende „große“ Regenzeit mit einem überraschenden Platzregen. Sensationell, wie die beiden Piloten die MD11 durch die Luft chauffierten!
Resümierend habe ich einen durchweg positiven Eindruck von der medizinischen Arbeit im SOS-Kinderdorf in Nairobi gewonnen. Die Arbeit vor Ort und der kollegiale Umgang mit den afrikanischen Kollegen auf gleicher Augenhöhe sowie mit den einheimischen Schwestern und medizinischen Assistenten des SOS Med Centres waren in fachlicher als auch in menschlicher Hinsicht äußerst angenehm und bereichernd.
Sehr beeindruckt hat mich aber auch die äußerst hilfsbereite Crew von Lufthansa Cargo, die es uns Ärzten erst ermöglicht hat, unseren Einsatz in Nairobi zu realisieren.

Bereits jetzt freue ich mich auf den nächsten Einsatz in Nairobi.

Dr. Volkmar Reschke
April 2009

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