Der Einsatzbericht von Dr. Thomas Kreck zu seinem ersten Einsatz in Nairobi
S

Sie müssen mal mit nach Afrika ...

Mit diesen Worten schaut mich Ruth Wehrkamp offen lächelnd an.

Ruth Wehrkamp macht die Einsatz- und Reiseplanung für "unsere Aktiven" vor Ort in Kenia

Gerade war ihre jährliche Routineuntersuchung in meiner Zahnarztpraxis abgeschlossen und wir kommen ins Gespräch: Über Afrika, genauer gesagt über Ostafrika und das Hilfsprojekt CHC – Cargo Human Care in Kenia, und dass ich doch als Zahnarzt dort mal einen Einsatz im Medical Centre in Nairobi mitmachen könnte.
Afrika – meine Erinnerungen an 3 Monate Mission-Hospital in Tanzania nach meinem Studium schwingen in mir nach. Und einige Fragen gehen mir durch den Kopf: Wie lange dauert so ein Einsatz? Kann ich meine Praxis solange alleine lassen? Wie ist das organisiert? Ist das mit Familie und 3 Kindern planbar? …
Die Fragen sind schnell geklärt: „1 Woche, wenn möglich 2 Einsätze jährlich; die Flüge werden organisiert, die Unterkunft und Transport etc. sind eingespielt“, so die Ausführungen von Frau Wehrkamp.
Einige Wochen später bin ich zur jährlichen Hauptversammlung von CHC als Gast eingeladen und bekomme erste Einblicke in die Strukturen und die laufenden Projekte in Kenia. Das Engagement, die Liebe zum Projekt und der Geist von CHC ist leicht zu spüren und wir kommen ins Gespräch über medizinische Hilfe, Kinderheim, Außeneinsätze, Brunnenbohrungen und weiteres. An diesem Abend steht meine Entscheidung auf dem Heimweg fest: Das unterstütze ich und da bin ich mit dabei – das „Virus Afrika“ hat mich wieder gepackt und ich freue mich schon auf die vielen Eindrücke, die Möglichkeit mich in so einem Hilfsprojekt zu engagieren.
Die Monate bis zu meinem ersten Einsatz vergehen schnell und am Tag meiner Abreise bin ich voll Vorfreude und gespannt, was genau mich in Nairobi erwartet. Das Ticket, die erklärenden Unterlagen für den Einsatz sind perfekt vorbereitet und beinhalten alle Details, die zum Einsatz nötig sind: Es kann los gehen.
Am Gate treffe ich Tanja und Thomas, Ärztin und Augenarzt, die ebenfalls für CHC nach Kenya fliegen. Das Kennenlernen ist einfach und ich lerne zwei liebe empathische Kollegen kennen, die mich bei dem Prozedere mit dem Standby-Ticket und der Umgebung in Nairobi vertraut machen. Der Flughafentransfer und die Unterkunft sind perfekt organisiert; da hat Frau Werkamp nicht zu viel versprochen.
Den kommenden Tag, einen Sonntag haben wir zum akklimatisieren. Ein kleiner Ausflug und der erste Besuch im Kinderheim, dem Mothers’ Mercy Home ist geplant. 55 Kinder waren anwesend, mit 3 Mothers’, die Gegebenheiten sind sehr bescheiden und machen ein wenig betroffen. Die Kinder aber lachen und spielen, sind voll Freude über uns Gäste und wirken lebensfroh und aufgeweckt. Nebenan liegt das Medical Centre, und ich bin auf den nächsten Tag gespannt.

Montag früh treffen wir um 8:15 Uhr im Medical Center ein. Hier ist schon geschäftiges Treiben und ich schätze an die 100 Personen, die im Hof, dem Wartebereich Platz genommen haben. Wir bahnen uns den Weg und werden herzlichst willkommen geheißen. Welch warmer Empfang, denke ich und man spürt die Offenherzigkeit der Menschen, Ihre Lebensfreude und das „Hakuna matata Kenya“.

Über die zahnärztliche Ausstattung bin ich erstaunt. Eine komplette Behandlungseinheit, unzählige Zangen und Hebel sind gerichtet, etwas Material für konservierende Behandlung ist ebenfalls gerichtet. Jane steht mir als Dental Nurse für die Woche zur Seite und erklärt mir alles weitere. Es kann losgehen, mein erster Patient wartet.

Das Spektrum der Behandlung ist erwartungsgemäß überwiegend chirurgisch. In den kommenden Tagen behandeln wir ca. 20 Patienten pro Tag. Extraktionen, kleine Osteotomien und Füllungen sind von Nöten. Manchmal ist nicht ganz klar, wo man konkret beginnen soll, der Behandlungsbedarf ist groß. Kindermünder mit nursing bottle syndrom sind nicht selten, Zähneputzen fällt teilweise komplett aus.

Und hier liegt ein weiteres Thema: Das Verständnis für die regelmäßige Mundhygiene ist nur bedingt vorhanden. Man geht eben erst zum Zahnarzt, wenn es weh tut und dann ist es zumeist zu spät. Erstaunlicherweise nehmen viele Patienten dies als gegeben hin. Aufklärung und Mundhygiene-Instruktion fehlt hier komplett, ein Feld, dass sich sicher entwickeln wird müssen, aber einen langen Atem braucht.

In den Tagen beeindrucken mich die Geduld der Patienten, Ihre Dankbarkeit über die Behandlung und die eigene Möglichkeit mit kleinen Handgriffen so viel Hilfe geben zu können. Neben dem zahnärztlich Tätigen, gibt es genügend Möglichkeit zum Austausch mit dem Team.

Sei es bei einem Rundgang über das Gelände und Besuch im benachbartem Kinderheim Mothers’ Mercy Home oder in der kleinen hauseigenen Apotheke, bzw. im medizinischen Labor. Vielleicht ist es die „Struktur der Fliegerei“ die hier durchschwingt, alles ist an seinem Platz, die Abläufe scheinen sehr klar geregelt.

Es braucht nicht lange und ich freue mich auf die gemeinsamen Pausen mit dem Klinikteam: Frühstück und Mittagessen aus der hiesigen Küche, enger kann man mit den Locals nicht sein und authentischer kein Essen werden.
Nach getaner Arbeit fahren wir zu unserer Unterkunft und dies ist eine weitere Möglichkeit das Leben auf der Straße zu beobachten; bunt, quirlig, durcheinander – so stellt es sich dar und diese Bilder bleiben als willkommene Erinnerung im Gedächtnis.
Die Abende verbringen wir in unserer Unterkunft – Shanema Homes – mit Gesprächen, dem Kennenlernen weiterer eingetroffener CHC Mitglieder und gemeinsamen Abendessen in der nahe gelegenen Mall. Auch so kann Afrika sein – internationale Küche, Shoppingmall in westlich europäischem Standard. Hier wird die gesellschaftliche Diskrepanz zwischen aufgezwungener Einfachheit einerseits und andererseits „Möglichkeiten für Manche“ deutlich. Ein Zustand, der für ein prosperierendes sich entwickelndes Land wie Kenia wohl dazu gehört und hoffentlich im weiteren Fortschritt überwunden werden kann. Die Korruption ist eines der größeren Probleme, so die Aussage meiner Gesprächspartner im Medical Centre. Dies ist keine neue Information für mich, aber aus erster Hand zu hören, wiegt diese nochmal intensiver.

Meine Tage vergehen schnell, und ich fühle mich nach nur einer Woche angekommen, wohl und glücklich über diese Erfahrung. Ich habe auch gearbeitet, aber doch so viel mehr für mich erhalten: die Reise erdet, das Zwischenmenschliche in der Behandlung ist so intensiv, die Dankbarkeit der Patienten hinterlässt ein warmes Gefühl und ich weiß, hier kann ich mit kleinem Einsatz so viel bewirken.
Danke an das gesamte Team von CHC für dieses Projekt. Danke an Ruth Wehrkamp für den Impuls; an Tanja und Karin für die ausgesprochen freundliche Reisebegleitung und den tollen Austausch. Danke an Jane – meine Assistenz vor Ort und das ganze Klinikteam für die gemeinsame Zeit.
Eines steht bei meinem Rückflug für mich fest: Kenia – und das Cargo Human Care Medical Centre – ich komme wieder.

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