Bericht: Dr. Tanja Horn
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Ein Handgriff gegen den Schmerz

Eigentlich sollte Wilson längst im Ruhestand sein. Doch in Kenia gibt es keine staatliche Altersversorgung, und seinen Kindern möchte er nicht zur Last fallen. Also sitzt er weiterhin Tag für Tag hinter dem Steuer seines LKWs – wie schon seit vielen Jahren. Die holprigen Straßen und die schlecht gefederten Sitze setzen ihm zunehmend zu. Rücken und Gelenke schmerzen immer häufiger.

Vor drei Tagen geschah es dann plötzlich: Als er das große Lenkrad weit einschlug, schoss ihm ein heftiger Schmerz in die rechte Schulter. Seitdem kann er den Arm nur noch angewinkelt vor dem Körper halten. Jede noch so kleine Bewegung verursacht starke Schmerzen. Die vergangenen Nächte verbrachte er nahezu schlaflos auf seiner Matte, geplagt von den Schmerzen. Immer wieder dachte er daran, ins Krankenhaus zu gehen. Doch medizinische Behandlung kostet in Kenia Geld, und eine Krankenversicherung kann er sich nicht leisten. So hoffte er, dass es von allein besser werden würde – vergeblich.

Heute sitzt Wilson erschöpft vor uns im Medical Centre. Unser Clinical Officer Boniface untersucht ihn und erkennt schnell die Ursache: Die Schulter ist ausgekugelt. Eine Reposition ist dringend notwendig. Doch selbst jetzt lehnt Wilson eine Behandlung im Krankenhaus entschieden ab.

Aus meiner Klinik in Deutschland kenne ich das Einrenken eines Schultergelenks nur unter Kurznarkose. Diese Möglichkeit haben wir hier im Medical Centre nicht. Wir beraten uns, und ich zeige Boniface ein Lehrvideo auf YouTube. Wilson verfolgt alles aufmerksam – und trifft schließlich selbst eine klare Entscheidung: „Wir machen das hier.“ Dabei deutet er auf den Patientenstuhl neben dem Schreibtisch, auf dem er sitzt.

Behutsam bringe ich seinen Arm unter Zug und massiere vorsichtig die Schulterregion, während ich leichten Druck auf das Gelenk ausübe. Dabei spreche ich ruhig mit Wilson und halte Blickkontakt, um sofort zu bemerken, wenn die Schmerzen zu stark werden. Gleichzeitig bewegt Boniface den Arm – genau nach der Technik, die wir uns wenige Minuten zuvor angesehen haben. Und tatsächlich: Sanft gleitet das Schultergelenk zurück an seinen Platz.

Wilson strahlt vor Erleichterung. Vor Freude beginnt er sofort, den Arm begeistert hin und her zu schwenken. Er kann kaum glauben, dass der Schmerz plötzlich verschwunden ist. Behutsam bremsen wir seine Euphorie und erklären ihm, wie wichtig jetzt Ruhe und Schonung sind, damit die Schulter nicht erneut auskugelt. Zur Sicherheit legen wir einen Verband an und bitten ihn, in den nächsten Tagen zur Kontrolle wiederzukommen.

Schulterluxation

Dankbarkeit liegt in Wilsons Gesicht. Stolz in dem unseres Clinical Officers Boniface, der heute zum ersten Mal eine Schulter reponiert hat.
Wieder einmal zeigt sich: Mit etwas Wissen, Mut und Teamarbeit kann selbst unter einfachen Bedingungen Großes gelingen.

Ein guter Tag im Medical Centre.

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