Ein neuer Zugang zur Welt
Bericht: Dr. Thomas Berger

Bei meinem Besuch im Juli in Karare wurde mir die sechsjährige Nelipua vorgestellt. Sie leidet an einer angeborenen Fehlbildung beider Ohrmuscheln und kann ihre Umwelt nur sehr eingeschränkt wahrnehmen. Gespräche, Schulunterricht und die Stimmen ihrer Geschwister erreichen sie bislang nur gedämpft – wenn überhaupt.
Nelipua lebt mit ihren sieben Geschwistern in zwei kleinen Hütten in der Nähe der ACK Wings Academy. Die Familie lebt unter sehr einfachen Bedingungen und bestreitet ihren Lebensunterhalt durch Viehzucht. Trotz aller Einschränkungen besuchen alle Kinder regelmäßig die Wings Academy. Mathew, der älteste Bruder, hat gerade die Secondary School abgeschlossen und wird im Januar mit Unterstützung von Cargo Human Care das Vocational Training Centre im Rafiki-wa-Maendeleo-Projekt im Siaya County besuchen – ein wichtiger Schritt für die ganze Familie.
Im November konnten wir für Nelipua eine Hörprüfung in unserem Cargo Human Care Medical Centre in Kianjogu organisieren. Unsere Sozialarbeiterin Rachel sorgte für eine Unterkunft in der Nähe des Medical Centres. Da die Familie ausschließlich Rendille spricht, begleitete Patrick, der Pfarrer aus Karare, Nelipua gemeinsam mit ihrer Mutter nach Nairobi. Für Mutter und Tochter war es die erste große Reise außerhalb ihres Heimatdorfes – mit viel Aufregung, aber auch großer Hoffnung.
Zur gleichen Zeit waren die Hörakustikerin Katja Schnorbus und der HNO-Arzt Dr. Mathias Eisenhardt in unserem Medical Centre im Einsatz. Katja hatte ein von der Firma KIND gesponsertes Knochenleitungs-Hörgerät aus Deutschland mitgebracht. Die weiterführende Untersuchung im Audiology Centre in Nairobi bestätigte eine hochgradige beidseitige Schwerhörigkeit von jeweils etwa 70 dB. Der Einsatz eines Hörgerätes ist bei diesem Befund sinnvoll und wurde von Katja individuell angepasst, um Nelipua bestmöglich zu unterstützen.
Zunächst bewahrten wir das Hörgerät im Medical Centre in Kianjogu auf, da die Sorge bestand, dass es im häuslichen Umfeld leicht verloren gehen oder beschädigt werden könnte. Ursprünglich war geplant, Nelipua auf eine Schule für taubstumme Kinder in Isiolo zu schicken.
Bei meinem Besuch im Dezember machten Patrick und ich gemeinsam mit dem Motorrad einen Hausbesuch bei der Familie. Trotz der großen Armut wirkten alle Kinder auffallend gepflegt und umsorgt. Der Vater erklärte uns, dass er sich wünscht, dass seine Tochter weiterhin die Wings Academy besuchen kann und nicht von ihrer Familie getrennt wird.
Inzwischen ist geplant, das Hörgerät bei der Schulleitung zu deponieren, sodass Nelipua es während der Schulzeit tragen kann. Wir hoffen sehr, dass sie sich Schritt für Schritt an das neue Hören gewöhnt – und dass sich damit eine neue Welt öffnet, in der Lernen, Teilhabe und Zukunftsperspektiven möglich werden.










