Besuch in Marsabit

Unser Besuch in Marsabit März 2017

Von Fokko Doyen / 1.Vorsitzender Cargo Human Care e.V.

Nach dem CHC Spendenaufruf „Hungerhilfe“ vor drei Wochen konnten wir bereits letzte Woche die erste Lebensmittellieferung an 1000 Familien in vier Dörfer im Raum Marsabit veranlassen. Ein guter Grund für Dr. Thomas Berger und mich, vor Ort einmal die aktuelle Lage zu erkunden.

Unser Fahrer Benjamin bringt es gleich am frühen Morgen in Nairobi auf den Punkt „They say that Northern Kenya is neglected by the government!“ Wie wahr…

Abfahrt 6Uhr vom Hotel im Herzen der Stadt. Stadtauswärts geht’s zügig, in der Gegenrichtung längst dichtester Verkehr wie jeden Tag auf den Straßen von Nairobi. Thomas holen wir 20Min später in Kiambu ab. Die Fahrt geht nordwärts durch grünes, dicht besiedeltes, richtig fruchtbares Land. Erst nach 2 Stunden wird die Landschaft trockener und staubig. Massai mit ihren Ziegen und Kühen bestimmen das Bild – gut zu erkennen an ihren umgehängten traditionellen roten Decken.
Nach gut drei Stunden die ersten Kamele am Straßenrand. Nanyuki. Zeit für den ersten Kaffee im „Dormans N Y“ – wobei man sich zu Recht fragen kann, was dieses Kaffeehaus mit New York zu tun hat. Gar nichts. N Y steht hier natürlich für Nan Yuki! So ein Café ist dann auch wie überall auf der Welt DER Treffpunkt für die Mzungu, wie wir Weiße hier gerne auch genannt werden. Alle weißen Besucher (und nicht nur die) nutzen das in dieser Gegend nicht überall verfügbare Wifi.
Nanyuki ist in Kenya vor allem für zwei Dinge bekannt: die britische Militärbasis mit 10.000 Mann und die riesigen Gewächshäuser. Neben Naivasha ist dies die zweite große Produktionsstätte für Rosen. Landwirtschaft dominiert hier das Geschehen, Ochsenkarren und von Ochsen gezogene Pflüge sind auch heute noch der Standard.
Gleich nach dem Verlassen der Stadt kommen im Osten die drei Gipfel des Mt. Kenya wunderbar in Sicht. Es geht weiter Richtung Marsabit und Moyale und wir merken immer deutlicher, dass diese noch recht neue Straße die Lebensader der Region ist. Ortschaften konzentrieren sich entlang der Strecke. Direkt am Straßenrand befinden sich schier nicht enden wollende Märkte, auf denen aber auch wirklich alles für den täglichen Gebrauch zu erwerben ist. In der Gegend von Isiolo kommt langsam aber sicher der islamische Einfluss mehr und mehr zum Vorschein, 70% Anteil an der Bevölkerung, Marsabit hat etwa 50% Anteil Muslime. Die Landschaft wird immer trockener, außer großen Akazien wächst kaum noch etwas. Fast schlagartig sind wir nördlich von Isiolo in der Wüste. Weit verstreut sehen wir die einfachen runden Hütten verschiedener Nomadenstämme abseits der Lebensader. Je weiter wir nach Norden kommen umso einsamer wird es auf dem Asphalt. Nur noch sehr vereinzelt sehen wir Männer mit Ihren Ziegenherden umherziehen und stellen uns immer häufiger die Frage, was die Tiere hier eigentlich noch zum Fressen finden. So gut wie kein Grün mehr, obwohl die Bewölkung („scattered clouds“ im Fliegerdeutsch) doch eigentlich Niederschläge verspricht. Die Landschaft erinnert mittlerweile sehr an die wohlbekannte Kulisse von Western-Filmen. Nicht nur, aber auch wegen der immer wieder hoch aufsteigenden Dust Devils würde ich mich nicht wundern, wenn Pat Garrett oder Billy The Kid hier gleich um die Ecke geritten kommen. Stattdessen immer mehr Kamele.

„Beware of strong crosswind“ warnt uns ein Schild und schon sind wir mitten drin im heftigen Sandsturm. Die Szenerie ist fast unwirklich, alles komplett ausgetrocknet. Müde wirkende Ziegen- und Kuhherden in karger Landschaft prägen das Bild – viele Tiere wirken völlig entkräftet, nicht viel mehr als Haut und Knochen. Immer häufiger sehen wir Kinder am Straßenrand mit leeren Flaschen winken „Gimmi water“ ist ganz klar ihre Botschaft.

All diese Eindrücke werden uns wenig später in Kamboe im direkten Kontakt mit den Bewohnern auch bestätigt. Hier, 30km vor Marsabit treffen wir Bischof Qampicha und seine beiden Mitarbeiter Rev. Marc und Rev. Jeremiah. Sie führen uns in das erste der vier Dörfer, in dem 200 der mehr als 400 Familien von CHC mit Lebensmitteln versorgt wurden. Wir lernen viele dieser Menschen kennen – zumeist sind nur die Frauen und Mädchen anwesend, denn die Männer und ihre Söhne sind mit dem Vieh unterwegs. Allerdings mussten schon viele Tiere ihr Leben lassen, Kadaver von Kühen am Rand des Dorfes bezeugen es. Eine große Zahl kraftloser Artgenossen liegt am Boden und auch sie erwartet sehr wahrscheinlich kein besseres Schicksal. Wir werden in eine der traditionellen Hütten gebeten. Diese dienen als Wohn- und Schlafraum, in ihrem Eingangsbereich wir aber auch gekocht. Mais und Bohnen in einem kleinen Topf auf der primitiven Feuerstelle auf drei Steinen stammen aus unserer Lieferung letzte Woche.
Die Frage, welche Familien erhalten Unterstützung von uns und welche nicht, drängt sich natürlich auf. Bischof Qampicha: „Dies wir von der Community, der Dorfgemeinschaft entschieden“. Für uns sehr erstaunlich, dass es bei der Verteilung sehr diszipliniert und ruhig zugehen soll – kein Hauen und Stechen, so wie ich es schon im Slum nahe Nairobi erlebt habe. Wir werden am nächsten Morgen dann auch Zeuge einer solchen Zuteilung in einem anderen Dorf nördlich von Marsabit, zu der uns der Bischof mitnimmt. Hier leben 47 Gabra-Familien, nur 20 von Ihnen erhalten die übliche Lebensmittelration: 25kg Mais, 10kg Bohnen und einen Liter Speiseöl. Die hier lebenden Menschen vom Gabra-Stamm bauen ihre Hütten ähnlich wie die Rendille in Komboe, allerdings höher. „They are tall enough also for Mzungu“ scherzt Qampicha.

Vor der kleinen Dorfschule treffen nach und nach die Frauen des Dorfes mit ihren Kindern ein, um sich die ihnen zugedachte Ration abzuholen. Abgemessen wird mit einer alten Blechdose, mit der aus den 90kg-Säcken in kleinere Behälter umgefüllt wird. Anschließend wird der Erhalt der Ware genauestens dokumentiert. Dazu notiert der Reverent die Nummern von den mitgebrachten ID-Karten und danach bestätigen die Frauen mit dem Fingerabdruck, dass sie Mais, Bohnen und Öl auch wirklich erhalten haben. Dass die allermeisten Erwachsenen in diesen Dörfern des Schreibens nicht mächtig sind, war auch gleich am ersten Tag unseres Besuchs beim Besuch der von CHC finanzierten Schule, der „Wings Academy“, deutlich geworden. Wir besuchten hier die Schüler der Klassen 1 bis 5 aus Karare und Umgebung in ihren Klassenräumen und werden zunächst etwas skeptisch betrachtet. Das legt sich aber schnell nach etwas Unfug unsererseits und weicht herzlichem Lachen.

Wir lernen anschließend einen Großteil der Mütter kennen. Sie sind gekommen, um uns sehr eindrucksvoll für den Bau dieser Schule zu danken. Denn im Gegensatz zu ihren Männern sind sie auch davon überzeugt, dass Bildung für ihre Kinder wirklich wichtig ist. Auf die Frage vom Bischof, welche der Frauen denn eine Schule besucht habe, hebt keine einzige die Hand. Bei der Frage, wer von Ihnen denn gerne in den Genuss des Schulbesuchs gekommen wäre, sehen wir ausnahmslos alle Hände oben – begleitet von einem begeisterten Jubel. Wir greifen die Idee auf und besprechen noch am gleichen Abend diverse Möglichkeiten mit dem Bischof und seinem Team, diesen Frauen ein Minimum an Bildung in unserer Schule anzubieten. Auch das ist ein Projekt, das wir weiter verfolgen wollen – das Interesse ist vorhanden und unbedingt soll es auch gefördert werden. Zunächst geht’s aber ums Überleben.
Wir erfahren, dass mit der ersten Lieferung in die vier Dörfern Kamboe, Karare, Parkinshon und Kituruni insgesamt genau 1000 Haushalte mit durchschnittlich je sechs Personen von CHC versorgt wurden. 1,7 Million Kenya Shilling (etwa 16.000€) hat die erste Lieferung gekostet. Sie reicht für drei Wochen. Schnell ist kalkuliert, dass die bisher erzielte Spendensumme von imposanten 50.000€ für gut zwei Monate reichen wird. Jetzt bleibt zu hoffen, dass der Regen hier in der Region Marsabit bald einsetzt und hilft, das Wachstum der Pflanzen endlich in Gang zu bringen. Die Wolkendichte über der Stadt spricht eindeutig dafür. Und tatsächlich prallen auf der Rückfahrt 250km südlich von Marsabit die ersten Regentropfen bei uns auf die Scheibe – da haben wir die Wüste aber auch schon wieder verlassen. Leider kam von dem ersehnten Regen nichts in Karare und Komboe an, wie wir auf Nachfrage erfahren haben.

Die CHC Hungerhilfe wird wohl noch länger gefragt sein in der Region, denn den eingangs von Benjamin zitierten Satz über das Vernachlässigen dieser Region durch die Regierung, sehen wir leider bestätigt. Gerade einmal drei Kilo Mais pro Familie wurde bisher bereitgestellt. Da ist unser Engagement gefragt. Tausend Familien über Monate zu versorgen, ist sicher keine leichte Aufgabe. Aber mit Ihren Spenden und der zuverlässigen Partnerschaft mit dem Bischof vor Ort werden wir es schaffen!

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